Vorlage für den Roman ist sehr wahr­schein­lich die Kurz­geschichte gleichen Titels und Inhalts des National­sozia­listen Heinz von Lichberg von 1916. Michael Maar, Litera­tur­kri­tiker und Wieder­ent­decker der 'von Lichberg-Lolita', zeigt Paral­lelen zwischen dieser und Nabokovs 'Lolita' auf und belegt, dass auch ein weiteres Werk Nabokovs von dem Natio­nal­sozia­listen vorweg genom­men wurde: zu dem Drama 'Walzers Erfin­dung' ('Die Walzer-Erfin­dung') schrieb von Lich­berg vorher das Prosa­stück 'Atomit'. Nabokov (* 1899, + 1977) lebte von 1922 bis 1937 in Berlin, davon wenig­stens einige Jahre in unmit­tel­barer Nach­bar­schaft von Lich­bergs. Als Feuil­le­to­nist war von Lich­berg in dieser Zeit eine präsente Figur in Berlin.

Reich-Ranicki bezwei­felt, dass Nabo­kov von von Lich­berg abge­schrie­ben hat. Er meint, dass Nabo­kov 'Lolita' in Russ­land, Nabo­kovs Her­kunfts­land, nicht gele­sen hat, hält es aber für mög­lich, dass ihm jemand hier davon erzählt hat. Das ist ihm dann Jahr­zehnte später, als er deutsch konnte, wieder einge­fallen. Reich-Ranicki dürfte wissen, dass Nabo­kovs 'Lolita' 1955 erschienen ist, 18 Jahre nachdem Nabo­kov Deutsch­land, wo er und von Lich­berg 15 Jahre gleich­zeitig lebten (s.o), verlas­sen hatte, zieht aber nicht in Betracht, dass Nabo­kov hier an seine Quelle gelangt sein könnte. Viel­leicht hatte Nabo­kov, der mit einer Jüdin verhei­ratet war, nicht Skrupel, so doch Angst oder zumin­dest Respekt vor dem Ein­fluss eines Natio­nal­sozia­listen (s. Link oben), dessen Werk zu dessen Leb­zeiten, wenn auch nicht plagi­iert, so doch in Titel, Hand­lung, Perso­nen etc. auf­fal­lend über­ein­stim­mend, unter seinem eige­nen Namen zu veröf­fent­lichen. Versuche eine ähn­liche Hand­lung zum Teil seines Werks zu machen, gab es schon in den dreißiger Jahren - wenig erfolg­reich. Sein über­dies anhal­tender Miss­erfolg kann ihn zu Über­le­gungen zu einer derar­tigen 'post­humen Stra­tegie' veran­lasst haben: von Lich­berg starb 1951. Bei manchen dauert es lange bis sie ein­sehen, dass sie nicht sind, für wen sie sich halten. Die Folgen derar­tiger Erkenn­tnisse abzu­wenden und sich zu dem zu machen, was man sich wünscht zu sein, gelingt offen­bar z. B. durch Verbrechen an Schwä­cheren, hier Kindern, so diese keinen Schutz genie­ßen.

Uwe Witt­stock ('Lolita ist eigent­lich viel älter') findet heraus, dass Nabo­kov "erheb­lichen Wert auf die Origi­na­lität seiner Ein­fälle legte". Wie andere findet aber auch er eine 'Inspi­ra­tions­quelle' Nabo­kovs: die Beschrei­bung eines 'Mont­blanc'-Werbe­pla­kates, die davor schon von Leon­hard Frank in dem Roman 'Bruder und Schwe­ster' beschrie­ben und veröf­fent­licht wurde (1929). Nabo­kovs Heraus­geber Dieter E. Zimmer führt nun laut Witt­stock den Nach­weis, dass beide Autoren die gleiche Werbe­tafel gesehen haben müssen, weil Nabo­kov sie genauer beschreibt (1930). Zimmer versäumt offen­bar den Zeit­punkt zu recher­chieren zu dem Nabo­kov das Werbe­plakat gesehen hat. Dieser muss minde­stens vor Veröf­fent­li­chung von Franks Roman gele­gen haben, um dar­zu­legen, dass Nabo­kov sich nicht von Frank hat 'inspi­rieren' lassen, um sich dann das Werbe­plakat einmal näher anzu­sehen. Möglicher­weise kannte er es bei der Lektüre von Franks Roman auch schon und ergänzte die vorlie­gende Beschrei­bung aus dem Gedächt­nis. Hätte Zimmer, Jahr­gang 1934, nachge­wiesen, dass Nabo­kov das fertige Manus­kript vor Veröf­fent­li­chung von Franks Roman bei seinem Verle­ger einge­reicht hatte, wäre ein Nach­weis wie erfolgt auch nicht notwen­dig gewesen. Den Zeit­punkt nicht nach­weisen zu können bedeutet aber, dass Nabo­kov Franks Roman schon gelesen haben konnte, als er sein Manus­kript seinem Verle­ger übergab.

Damit wäre der 'Beweis' ent­kräf­tet. Fazit: Es spricht viel dafür, dass Nabo­kov genau das nicht besaß, worauf er größten Wert legte: eigene Ideen. Ausge­nommen viel­leicht die Idee, die Einfälle Ande­rer für seine Zwecke zu verwer­ten. Stellt sich die Frage, ob Nabo­kovs mit 'Lolita' einset­zender Erfolg nicht wenig­stens teil­weise einem Ghost­writer zuzu­schreiben ist und/oder inwie­weit latent vorhan­dene sexuelle Gewalt­bereit­schaft breiter Bevöl­ke­rungs­kreise ange­sprochen wird, die, wie die 1970er und 80er zu ihrer Zeit schon offen legten, entset­zliche Wirk­lich­keit ist.

Quellen:

Breitenstein, Andreas, Das doppelte Lottchen, veröffentlicht im Internet-Portal der Zeitung 'Neue Zürcher Zeitung', online verfügbar unter: http://nzz.gbi.de/webcgi?START=__0&WID=41272-1750087-50762_8 (Stand: 12.03.2007).

Hartwig, Ina, "Lo. Li. Ta.", süßes Wesen, Nabokovs Vorlage & die Folgen, veröffentlicht im Internet-Portal der Zeitung 'Frankfurter Rundschau', online verfügbar unter: http://www.fr-online.de/in_und_ausland/kultur_und_medien/literatur/?em_cnt=420184&sid=4c023d67fd0ce15fca04641848e99ddd (Stand: 10.03.2007).

Köhler, Andrea, Nymphe mit Trauerschleppe, Ist Vladimir Nabokovs "Lolita" aktueller denn je?, in: Neue Zürcher Zeitung, Nr. 235 vom 08.10.2005, S. 45.

Maar, Michael, Der Mann der 'Lolita' erfand, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 73 vom 26.03.2004, Seite 46.

Maar, Michael, Lolitas spanische Freundin, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 100 vom 29.04.2004, Seite 33.

o.V., Eine richtige Entdeckung, in: 'Der Spiegel', Nr. 13 vom 22.03.2004, S.182.

o.V., "Lolita" hat eine Vorläuferin, veröffentlicht im Internet-Portal 'NETZZEITUNG.DE', online verfügbar unter: http://www.netzeitung.de/voiceofgermany/kulturnews/278367.html (Stand: 08.03.2006).

o.V., Lolita-Vorläufer entdeckt, hrsg. von SPIEGEL ONLINE GmbH, veröffentlicht im Internet-Portal des Nachrichtenmagazins 'Der Spiegel', online verfügbar unter: http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,291400,00.html (Stand: 05.03.2007).

o.V., Vladimir Nabokov, hrsg. von Wikimedia Foundation Inc., veröffentlicht im Internet-Portal 'Wikipedia', online verfügbar unter: http://de.wikipedia.org/wiki/Vladimir_Nabokov (Stand: 30.05.2006).

Wittstock, Uwe, Lolita ist eigentlich viel älter, veröffentlicht im Internet-Portal der Zeitung 'Die Welt', online verfügbar unter: http://www.welt.de/data/2004/03/20/253508.html (Stand: 23.06.2006).

Wittstock, Uwe, Solo für Nabokov, veröffentlicht im Internet-Portal der Zeitung 'Die Welt', online verfügbar unter: http://www.welt.de/data/2003/01/27/36446.html (Stand: 15.05.2006).